Vorwort

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

die Ausbildung zum Psychotherapeuten[1] ist lang. Man studiert zunächst Psychologie oder Medizin. Ist dies geschafft, beginnt im Anschluss die eigentliche therapeutische Ausbildung. Ich kam gerade als frisch diplomierte Psychologin von der Universität und saß in meinem ersten Seminar im Rahmen der Therapieausbildung. Es ging um die Behandlung von Angsterkrankungen und der Dozent zeigte uns einen Film, in dem eine Spinnenphobie behandelt wurde. Was ich dort sah, erinnere ich bis heute: Eine junge Frau näherte sich schreiend und zitternd einer Spinne, während der Therapeut langsam neben ihr herlief und verschiedene Sätze sagte wie: „Sie sind in Sicherheit“ und „Alles ist gut“. Am Ende dieser schier endlosen Therapiestunde stand die junge Frau entkräftet, aber glücklich zwischen dem Therapeuten und dem Tier. Mit ihrem Zeigefinger berührte sie den pelzigen Rücken der Spinne. Der Bann war gebrochen.

 

Einige Zeit später behandelte ich als junge Psychotherapeutin zahlreiche Erkrankungen, darunter auch Angstpatienten. Die im Film beschriebene Konfrontationsbehandlung gehörte schon damals zum Grundkanon der Angsttherapie. Ich wusste, wie wirkungsvoll die Angstexposition sein kann, und lernte, die Behandlungen solide vorzubereiten und durchzuführen. Ich stieg mit meinen Patienten auf hohe Türme oder fuhr so lange Aufzug, bis sich die Angst beim Betroffenen auf ein Normalmaß eingependelt hatte. Ich begleitete Angstpatienten in enge Kaufhäuser und ins Kino, und einmal fuhr ich unvergessliche 28-mal durch eine Waschanlage, bis sich die Angstreaktionen der jungen Patientin völlig verloren hatten. Den ungläubigen Blick des jungen Kassierers, bei dem wir die Waschmünzen kauften, sehe ich noch bis heute vor mir.

 

Bei einigen Patienten schlug diese Methode jedoch nicht so schnell und wirkungsvoll an. Ich erlebte in den Behandlungen immer wieder, wie schmerzhaft und hart die Konfrontation sein kann. Ebenso, wie viele Wiederholungen in der Angstkonfrontation nötig sind, um die eingebrannten alten Erinnerungen zu überschreiben. Einige Patienten zeigten hohe innere Widerstände und äußerten großen Widerwillen. Ältere und erfahrene Kollegen erzählten mir von Therapieabbrüchen. Als besonders problematisch erlebte ich, dass sich die Angst gerne versteckte, wenn ich als Therapeutin den Angstpatienten begleitete. Sobald ich weg war, tauchte die Angst in voller Wucht wieder auf. Dem Betroffenen blieb nichts anderes übrig, als die angstbesetzte Situation alleine und ohne Rückendeckung durchzuführen. Die schöne Idee, dass die ersten Angstkonfrontationen in schützender Begleitung des Therapeuten durchlebt werden, ist in der Praxis oftmals nicht durchführbar.

 

Die Summe dieser Erfahrungen lieferte den Startschuss für die Entwicklung der hier vorgestellten elf Module, die ich unter dem Begriff Meta-Methode zusammenfasse. Das Ergebnis meiner intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema der Angstbehandlung lesen Sie in diesem Buch.

 

Dass ein Leben ohne Angsterkrankungen möglich ist, hat mir die Arbeit mit unzähligen Patienten in den vergangenen Jahren eindrucksvoll gezeigt. Angst folgt einer simplen und nachvollziehbaren Logik. Ich möchte mit diesem Buch Mut machen – denn wie bedrohlich Angst- und Panikgefühle auch erscheinen mögen, es steckt Methodik dahinter. Wer das Muster versteht, kann seinen eigenen Angstcode knacken. Nutzen Sie dieses Buch als Wegweiser in ein Leben mit mehr Sicherheit und Lebensqualität.

 

Ihre Dr. Annette Allgöwer                                                     Stuttgart im Sommer 2018

 

 

[1] Im folgenden Text wird aus Gründen der Vereinfachung der Lesbarkeit meist die männliche Form verwendet (z. B. Patient). Es sind jedoch stets Personen aller Geschlechter gleichermaßen gemeint.